Elternsein und dabei Neues schaffen
- Ingrid Haas
- 14. Feb.
- 3 Min. Lesezeit

Immer wieder begleite ich Mamas und Papas, die aus ihrer eigenen Kindheit mit Überzeugungen und Handlungsmustern hervorgegangen sind, die ihnen im weiteren Leben nicht hilfreich waren. Oft hatten sie mit Depressionen, Burn-Out, Ängsten, Zwängen, Traumafolgestörungen oder anderen Schwierigkeiten zu kämpfen. Oft haben sie sich in mühevoller Reflexion, Anstrengung und manchmal auch Therapien aus schwierigen Situationen herausgearbeitet und neue Verhaltensmuster und -strategien entwickelt.
Manche dieser Eltern geraten, wenn sie selbst Mama oder Papa werden, schnell in Verunsicherung und Erschöpfung, weil sie ihren Kindern etwas geben möchten, was sie selbst als Kind nicht "bekommen" zu haben scheinen. Sie wollen es "besser" machen als die eigenen Eltern, hinterfragen sich im Umgang mit dem Kind und sind damit ständig mit der Auseinandersetzung mit Verhaltensmustern und Verletzungen aus der Kindheit konfrontiert.
Oft werden sie durch dahin gesagte Äußerungen von außen schnell verunsichert oder haben die Befürchtung, dass sich die eigenen Erfahrungen und Ängste auf das Kind übertragen können, da viel eigene Verunsicherung da ist. Dinge, die für andere Mamas und Papas selbstverständlich aus dem Bauchgefühl und der Intution heraus entschieden oder getan werden, müssen von diesen Eltern erst hinterfragt und bewusst "zugelassen" oder entschieden werden, weil manchmal eigene innere "Modelle" oder Vorbilder fehlen oder die Sicherheit fehlt, dass das schon richtig ist.
Das ist Arbeit. Und das kann aufwühlend und anstrengend sein. Es ist jedoch auch ein riesiges Geschenk, mit dem eigenen Baby neue Erfahrungen zu machen, eine neue Familien-Geschichte zu schreiben, die eigenen Werte mit dem Baby neu zu leben und das Alte so endgültig hinter sich zu lassen.
Was ich bei vielen Eltern als hilfreich erlebe, ist es, sich als Eltern gezielt zu gestatten, dass es anstrengend sein darf, Dinge "neu" zu machen. Hilfreich es auch, sich zu erlauben, sich Rückmeldungen und Unterstützung von außen zu holen, wenn Verunsicherung da ist: In der Beratung, in der Therapie, aber auch in liebevollen Gesprächen mit wohlgesonnenen Menschen aus dem Umfeld, sofern diese stärkend sind. Unterstützend ist es aber auch, sich von ungewollten Ratschlägen zurückzuziehen und klar bei sich zu bleiben, wenn "Tipps" nicht passend sind oder die eigene Grenze überschritten wird.
Als innerer "Gradmesser" ist in dieser Phase der eigene Körper und die Arbeit mit dem eigenen Körper und am eigenen Nervensystem sehr wertvoll. Gerade dann, wenn stundenlange "Me-time" und Freizeit knapp sind, kann die Beachtung der eigenen Körperwahrnehmung -und die Arbeit damit- den Alltag und den Zugang zur inneren Sicherheit und Bindungssicherheit stärken. Es sind hier mittlerweile aus der Hirnforschung, Körperarbeit und Traumatherapie so viele wunderbare Techniken verfügbar wie: Momente des Innehaltens, der Reflexion, des körperlichen Nachspürens, Visualisierungsübungen, Atemübungen, Bindung durch Berührung, Stabilisierungsübungen und Ressoucenarbeit. Durch die Arbeit am Körper, wird immer wieder bewußt, dass es im Alltag mit dem Kind um das "hier und jetzt" geht und darum, dieses "hier und jetzt" neu zu gestalten. So entsteht das Neue von selbst -von Moment zu Moment. Denn Babys und Kinder bringen nicht nur eigene schmerzhafte Erfahrungen und Ängste in Erinnerung, sondern durch ihr Kind-Sein und das Leben im Moment entstehen täglich positive Bindungserfahrungen, die täglich gefeiert und gestaltet werden können und einfach so aus der Situation heraus entstehen. Jeden einzelnen Tag neu. Von Moment zu Moment. Eltern mit eigener Geschichte sind für mich in meiner Arbeit echte Helden und ich liebe es, sie zu begleiten, dabei zu sein, wenn sie etwas Neues Eigenes schaffen. Es macht eine Riesenfreude, miterleben zu können und methodisch begleiten zu dürfen und manchmal auch einfach nur da zu sein, wenn das Neue immer mehr wächst und stärker wird. Mit Körperarbeit, mit systemischem Werkzeug, mit Ressourcenaufbau mit Reflexion, mit Herz und mit Humor.




