Prinzipielles zur Eingewöhnung
- Ingrid Haas
- 15. Feb.
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 17. Feb.

Wie funktioniert eine Eingewöhnung?
Ich werde immer wieder gefragt, wie eigentlich eine gute Eingewöhung aussehen soll. Daher schreibe ich kurz ein paar subjektive Eindrücke als ehemalige Fachkraft zusammen. Ich verwende als Begriff für die eingewöhnende Fachkraft das Wort "Erzieherin". Es könnte jedoch genausogut ein Erzieher oder eine andere eingewöhnde Berufsgruppe verwendet werden. Als Bindungsperson, die das Kind in die Einrichtung begleitet, verwende ich Mama und Papa oder Eltern, wohlwissend, dass dies auch Großeltern, Pflegeeltern oder jede andere nahestende Bindungsperson übernehmen könnte.
Das derzeitige aktuelle Eingewöhnungsmodell, nach dem die meisten Einrichtungen eingewöhnen, ist das Berliner Modell. Das Berliner Modell kann leicht gegoogelt werden und ich habe es hier verlinkt. https://www.kita-fachtexte.de/fileadmin/Redaktion/Publikationen/KiTaFT_Braukhane_Knobeloch_2011.pdf
Der Grundgedanke und die Grundlage vom Berliner Modell ist die Bindungstheorie. Kurz gesprochen ist es die Idee, dass ein Kind mit einer wichtigen Bindungsperson (z.B. Mama oder Papa) in die neue Betreuungssituation kommt und dort von der sicheren Basis "Mama" oder "Papa" langsam Kontakt zu einer Erzieherin knüpft. Erst wenn eine Beziehung zur Erzieherin besteht (das Kind sich an die Erzieherin als neue zusätzliche Bindungsperson gewöhnt hat), wird mit der Trennung von der Bindungsperson begonnen und diese langsam zeitlich ausgedehnt- individuell und am Kind orientiert. Das heißt: Zuerst besucht das Kind die neue Einrichtung mit Mama oder Papa gemeinsam. Das Kind spielt gemeinsam mit Mama/Papa und Erzieherin. Wenn das Kind in Kontakt mit der Erzieherin geht, ziehen sich Mama oder Papa langsam zurück, sind aber begleitend noch da. Ab einer bestimmten Vertrauensbasis folgt dann in Absprache zwischen Eltern und Erzieher eine erst kleine minutenlange Trennung. Funktioniert die Trennung und ist die Beziehung zur Erzieherin stark genug, gibt es maximal einen kleine Aufreger und ein kurzes Weinen von Seiten des Kindes, dann lässt sich das Kind von der Erzieherin beruhigen und trösten. Ist das nicht der Fall, werden die Eltern wieder geholt, das Kind wird "abgeholt" und die Trennung wird an den Folgetagen wiederholt, wenn die Vertrauensbasis sicher genug ist. So eine Eingewöhnung dauert zwischen 1,5 Wochen und 6 Wochen. Ganz individuell. Viele Einrichtungen rechnen so im Schnitt 2 Wochen für eine Eingewöhnung. Wenn das Kind dann alleine in der Gruppe bleibt, wird die Betreuungszeit Stück für Stück ausgeweitet, bis das Kind eine Mahlzeit ohne Eltern, einen Vormittag und am Ende dann einen halben Tag bis zum Mittagsschläfchen, dann auch noch den Nachmittag schafft. Wichtig ist: Eine Eingewöhung ist eine sehr aufregende Zeit für Eltern und Kind und es macht Sinn, wenig drumrum zu planen, sondern dem kindlichen Nervensystem genug Ruhe zu geben, um die neue Erfahrung zu verarbeiten.
Was können Eltern tun, um die Eingewöhnung zu erleichtern?
Als Fachkraft die selbst eingewöhnt hat, kann ich nur sagen, dass es gut ist, wenn Unklarheiten und Fragen offen angesprochen werden -von Anfang an. Stimmt die Beziehungsebene, können Eltern dem Kind gut vermitteln, dass es ok und gut ist, Kontakt zur Erzieherin aufzunehmen und bei ihr zu bleiben. Die Kinder orientieren sich an der Haltung und dem Nervensystem der Eltern. Wenn Eltern sich innerlich irgendwie unwohl fühlen, Befürchtungen und Vorbehalte gegenüber der Erzieherin haben, ist es für das kindliche Nervensystem sehr schwer, sich überhaupt auf eine Beziehung zur Erzieherin einzulassen. Es ist damit sehr wichtig, als Eltern rechtzeitig das Gespräch zur Erzieherin zu suchen, wenn etwas nicht so läuft wie erwartet, wenn die Trennung zu schnell erfolgt oder zu langsam oder wenn das Kind irgendwie irritiert reagiert. Eingewöhnung ist klar von der Fachkraft vorgegeben, aber keine Einbahnstrasse, sondern es sollte eine Zusammenarbeit stattfinden.
Eltern kennen ihr Kind am Besten und dürfen und können den Prozess aktiv mitgestalten. Gleichzeitig ist es sinnvoll, eigene Forderungen zu hinterfragen und die Bereitschaft zu haben, sich auf die Situation einzulassen, auch wenn nicht alles optimal ist. Die Einrichtungen haben oft eng getaktete Eingewöhnungspläne und festgelegte Dienstpläne, die aus Einrichtungssicht unbegründetes Hinauszögern nur sehr begrenzt ermöglichen. Da braucht es dann Kompromisse von beiden Seiten und es ist in beiderseitigem Interesse, jeweils das Beste zu tun, dass ein Kind gut ankommen kann.
Wenn aber etwas passiert, was dem "Bauchgefühl" als Eltern massiv widerstrebt, Eltern das Gefühl haben, es läuft irgendwie "falsch", macht es immer Sinn ins Gespräch zu gehen. Viele Eltern schweigen aus Angst und Not, weil sie den beruflichen Wiedereinstieg planen und nicht "unbequem" sein wollen und Angst haben, den Kita-Platz zu gefährden. Damit ist aber keinem geholfen, denn das Kind spürt sowieso, wenn etwas nicht stimmig ist, hat dann mehr Probleme, sich auf die Eingewöhung einzulassen und trennt sich schwerer.
Eine gute Fachkraft steht daher in der Regel gern für ein kurzes Gespräch zur Verfügung und macht sich im Zweifelsfall gern gemeinsam Gedanken, wie der Prozess fürs Kind und die Eltern leichter werden kann, wenn irgendwas nicht so klappt wie geplant- natürlich im Rahmen des Möglichen und den Bedingungen der Einrichtung entsprechend.
Es kann jedoch trotz aller Bemühungen, Gespräche und Gedanken trotzdem passieren, dass eine Eingewöhung scheitert, dass es überhaupt nicht so läuft wie gedacht. Auch hier lohnt es sich, konstruktiv ins Gespräch zu gehen und sich als Eltern im Zweifelsfall nochmal eine dritte Meinung einzuholen, um das Kind und sich selbst zu entlasten.




